Die Ideologie der "ganz normalen Leute"?

Eine Analyse des Antisemitismus als weltanschauliche Basis der Corona-Proteste in Wien

Autor/innen

  • Carl Dewald Europa-Universität Flensburg

DOI:

https://doi.org/10.15203/4105.vol53.2024

Abstract

Die Proteste gegen die Maßnahmen zur Eindämmung der Corona-Pandemie prägten das politische Geschehen in den vergangenen Jahren in erheblichem Maße. Bisherige empirische Untersuchungen stellen übereinstimmend fest, dass die Proteste von Verschwörungsmythen, anti-modernen Haltungen sowie dem Unwillen, sich für realpolitische Veränderungen einzusetzen, geprägt waren. Sie benennen dabei allerdings den mannigfaltig vorhandenen Antisemitismus innerhalb der Protestbewegung nur sporadisch. Um dieses Charakteristikum der Proteste im Detail aufzuzeigen, untersucht die vorliegende Arbeit die von den Demonstrierenden gestalteten Schilder und Transparente anhand von mehr als 80.000 Fotografien, welche die Demonstrationen in Wien von April 2020 bis Ende Februar 2022 dokumentieren und somit deren zeitliche Entwicklung abbilden. Zentrale Erkenntnisse dieser Forschung sind ein tief verankerter und geteilter Antisemitismus unter den Teilnehmenden, der sich in einer Radikalisierungstendenz ausdrückt. Diese spitzt sich im Laufe von fast zwei Jahren vom Vorwurf der Lüge bezüglich der Gefährlichkeit von Covid-19 bis zur Konstruktion einer das Geschehen aus Profitgier steuernden, fast allmächtigen kleinen Fremdgruppe zu. Darunter zeigt sich insbesondere der zeitgenössische Antisemitismus durch eine massenhafte Identifizierung der Protestierenden mit den Opfern der Shoah und damit gleichzeitig der Relativierung der Verbrechen, als ein in dieser Form neues Phänomen.

Autor/innen-Biografie

  • Carl Dewald, Europa-Universität Flensburg

    Carl Dewald studierte Politikwissenschaft und Sozioökonomie in Wien. Als wissenschaftlicher Mitarbeiter im Seminar für Politikwissenschaften und Politikdidaktik an der Europa-Universität Flensburg promoviert er aktuell in den Themenbereichen Autoritarismus und autoritäre Formierungen innerhalb sozialer Bewegungen.

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Veröffentlicht

2024-05-06

Ausgabe

Rubrik

Forschungsartikel